Exkurs: Die Konzile von Nicäa und Chalcedon

Die Frage nach dem Zu- und Miteinander der göttlichen und menschlichen Natur der Person Jesu Christi hat schon immer viele Theologen beschäftigt. Vor allem im 4. und 5. Jahrhundert stand sie im Mittelpunkt theologischer Streitigkeiten. Freilich stand nicht die ganze Kirchengeschichte dieser Jahre nur im Zeichen dieser Auseinandersetzungen: das Leben der Gemeinden ging in vollem Umfang weiter.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand jedoch die Frage nach dem Verhältnis Jesu Christi zum himmlischen Vater. Die Theologen versuchten, mit den Begriffen "wesenseins" und "wesensähnlich" dieses innertrinitarische Verhältnis zu beschreiben. Beide Begriffe unterscheiden sich im Griechischen nur durch den einen Buchstaben "Jota" (i). Dabei handeltete es sich nicht nur um ein abstraktes Theologengezänk. Hinter diesen so ähnlichen Begriffen verbergen sich zwei einander entgegengesetzte Grundauffassungen des Christentums. Es ging um nichts weniger als um die Sicherheit der durch Christus gewirkten Erlösung. Deshalb können wir Dauer, Heftigkeit und allgemeine Ausdehnung der Kämpfe verstehen. Wie meistens in der Kirchengeschichte spielten nicht nur theologische Überlegungen eine Rolle. Der Streit war vielschichtig. Persönliche Mißgunst und Streben nach Macht spielten die gleiche Rolle wie kulturelle und soziale Unterschiede. Völlig trennen ließen sich diese Schichten nie ganz; oftmals können wir sie nur erahnen.

Wir wollen die Entwicklung der Christologie in der Frühen Kirche nur in groben Linien aufzeigen. So behandeln wir zunächst den arianischen Streit, der zum Konzil von Nicäa führte. Es ging um die Gottheit Christi. Die christologischen Streitigkeiten in der Zeit zwischen Nicäa und Chalcedon betrafen die Menschheit Jesu Christi und vor allem das Zueinander der zwei Naturen.

 

1. Die Vorgeschichte

In vielen Kirchengeschichtsbüchern fängt der arianische Streit im 4. Jahrhundert an. Dies ist nur bedingt richtig. Eigentlich nahm er bereits im 2. Jahrhundert seinen Ausgang. In der Auseinandersetzung mit heidnischen Religionen und Philosophien versuchte man, den Monotheismus des AT, Aussagen über Jesus Christus im NT und die griechischen Vorstellungen über das Wesen eines Gottes in Einklang zu bringen.

Für die griechische Philosophie war ein dreieiniger Gott, zumal einer, der sich in Raum und Zeit offenbart, undenkbar. So stand man vor der Schwierigkeit, den Glauben an einen Gott mit der christlichen Lehre von Vater, Sohn und Heiliger Geist in Einklang zu bringen. Dabei entstanden zwei Strömungen, die eigentlich einander entgegengesetzt waren, jedoch gemeinsam haben, daß sie jeden Dreifaltigkeits-gedanken ablehnen. Diese Strömungen nennt man zusammenfassend Monarchianismus.

Die erste monarchianistische Strömung ging davon aus, daß Christus nur ein vergöttlichter Mensch war. Man dachte Ihn sich als einen Propheten, der zu einer gewissen Zeit zwar mit göttlichen Kräften ausgestattet, jedoch dadurch kein Gott geworden war. Jesus war ein normaler Mensch, auf den der Christus wie eine Kraft gekommen war (meist wird hier die Taufe Jesu als Zeitpunkt genannt). Daher erhält diese Meinung den Namen dynamistischer Monarchianismus.

Die zweite Richtung nahm ihren Anfang in Kleinasien. Für sie war Christus kein vergöttlichter Mensch, sondern eine Erscheinungsweise des einen Gottes. Seine Menschheit (menschliche Natur) wurde ganz abgelehnt. Für diese Gruppe gab es nur die eine Person Gott, die sich auf drei verschiedene Offenbarungsweisen (modi) zeigt. Daher erhält diese Strömung die Bezeichnung modalistischer Monarchianismus.

Wir erkennen in der Irrlehre des Monarchianismus den menschlichen Versuch, das Wesen Jesu Christi verstandesmäßig zu begreifen und auszudrücken. Beide Strömungen verloren dabei eine Seite Seiner Person. Der Monarchianismus wurde als Häresie verdammt.

 

2. Das Nicänum

Die Probleme des Monarchianismus kehren im 4. Jahrhundert zurück. Hier mußte der Arianismus (so genannt nach seinem Vertreter Arius) bekämpft und die kirchliche Trinitätslehre bestätigt werden. Dies geschah durch die ökumenischen Konzile von Nicäa (325) und Konstantinopel (381).

 

a) Arius

Wie die Monarchianer ging auch Arius von einem philosophischen Gottesbegriff aus. Da Gott unteilbar und unveränderlich ist, kann Er auch keinem anderen Seine Gottheit mitteilen. Für Arius bedeutete diese Voraussetzung, daß Christus ein Geschöpf Gottes sein muß. Christus ist also nicht ewig, nicht präexistent, sondern vor der Schöpfung als Mittelwesen zwischen Gott und Mensch geschaffen worden. Ihn hat dann angeblich Gott zur Schöpfung Himmels und der Erde benutzt. Auch für Arius war Jesus nicht Gott - nur wesensähnlich mit Gott.

 

b) Alexander von Alexandria

Alexander von Alexandria war Arius' eigener Bischof. Er exkommunizierte Arius aufgrund seiner Irrlehre im Jahre 320. Doch konnte auch dies nicht verhindern, daß sich der Streit über den ganzen Orient ausbreitete. Auch zukünftig war Alexander, unterstützt von seinem Diakon Athanasius, einer der Hauptgegner des Arius.

Arius hielt Christus für etwas Geschaffenes. Da er Ihm trotzdem göttliche Verehrung zubilligte, konnte man ihm Götzendienst (Anbetung des Erschaffenen, Gleichstellung von Geschöpf und Schöpfer) vorwerfen. Hinzu kam, daß Christus zwar etwas anderes als Gott, dennoch aber Gott sein sollte, was natürlich bedeutete, daß man zwei Götter verehrte. (Übrigens gab es für Arius noch weitere Mittelwesen).

Der wichtigste Einwand gegen Arius war jedoch, daß seine Lehre von Christus das Heilswerk Christi ausschloß. Er, der angeblich selbst geschaffen war, konnte nicht die vollkommene Gotteserkenntnis besitzen und vermitteln. Auch konnte Sein Tod und Seine Auferstehung nicht Tod und Verdammnis besiegen.

 

c) Das Konzil von Nicäa

Die Streitigkeiten um Arius gefährdeten die Einheit der Kirche. Da dies auch die innere Stärke des römischen Reiches gefährden mußte, berief Kaiser Konstantin nach einem gescheiterten Schlichtungsversuch ein allgemeines Konzil von Bischöfen aus dem gesamten Kaiserreich nach Nicäa ein. Dies geschah im Jahr 325.

Hier behielten die Gegner des Arius die Oberhand. Die Kirche bekennt:

"Wir glauben an einen Gott, allmächtigen Vater, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, und an einen Herrn, Jesus Christus, den Sohn Gottes, geboren vom Vater, eingeboren, das heißt von des Vaters Wesen, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen, mit dem Vater in einerlei Wesen., durch den alles geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, der um unser, der Menschen, und um unsrer Seligkeit willen herabgekommen und Fleisch, Mensch geworden ist, der gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgefahren in den Himmel, von dannen er kommen wird zu richten Lebendige und Tote. Und an den Heiligen Geist [...] Die da sagen: es gab eine Zeit, da er nicht war, und ehe er geboren ward, war er nicht, und daß er aus dem ward, was nicht ist, oder die ihn für eine andere Hypostase oder Wesen halten oder sagen, Gottes Sohn sei geschaffen oder veränderlich, die verdammt die allgemeine Kirche."

Das Konzil legte auch noch weitere Dinge fest, die Grundlage des kanonischen Rechts der katholischen Kirche wurden (z.B. Aufgabe der Diakone, Abendmahl an Sterbende außerhalb der Kirche, Aufteilung der Kirche in Provinzen, usw.)

 

3. Zwischen Nicäa und Chalcedon

Auch das sorgfältigst formulierte Bekenntnis kann den Glauben an die Offenbarung der Heiligen Schrift nicht ersetzen. Keinem Bekenntnis ist es möglich, den menschlichen Verstand von der Wahrheit der Offenbarung zu überzeugen. Sie fassen das Ergebnis theologischer Arbeit zusammen, umschreiben einen Tatbestand, können aber die Person, um die es geht, nicht erklären. Zwar versuchten Theologen zu jeder Zeit, in das Geheimnis Gottes einzudringen, waren aber damals - wie auch heute - zum Scheitern verurteilt.

Es kann uns also nicht verwundern, daß der arianische Streit mit dem Beschluß von Nicäa nicht zu Ende ging. Auch in den Jahrzehnten danach wogte er hin und her. Häufig wurden mal die Gegner, mal die Befürworter verbannt und ihres Amtes enthoben, nur um sie in einer weiteren Phase wieder zurückzuholen und neu einzusetzen. Der bereits erwähnte Athanasius, ein brillanter Theologe und Alexanders Nachfolger als Patriarch von Alexandrien, mußte wegen seines Festhaltens am Nicänum fünfmal seinen Bischofssitz verlassen und verbrachte fast zwanzig Jahre im Exil. Er starb 373, hatte aber den endgültigen Sieg über den Arianismus auf dem Konzil von Konstantinopel 381 entscheidend vorbereitet. Das Konzil von Konstantinopel (381) erneuerte den Beschluß von Nicäa und verurteilte den Arianismus endgültig.

Nun war die Frage nach der Natur Jesu Christi annähernd geklärt. Doch es blieb die Frage: Wie verhalten sich die menschliche und göttliche Natur Jesu zueinander? Diese Frage wurde im folgenden, dem christologischen Streit diskutiert.

 

a) Antiochien und Alexandrien

Apollinaris von Laodicea betonte im Kampf gegen die Arianer die Gottheit Christi dermaßen, daß er dessen Menschheit "opferte". Er glaubte, daß das Fleisch Jesu nicht von der Jungfrau Maria stammte, sondern göttliches Fleisch war, welches Jesus vom Himmel mitgebracht hatte. Er wurde also nicht von Maria geboren, sondern ist lediglich durch sie hindurchgegangen.

Gegen Apollinaris wendet sich vor allem die antiochenische Schule. Sie war streng wissenschaftlich eingestellt und arbeitete im Gegensatz zur alexandrinischen nicht allegorisch, sondern historisch-grammatisch. Sie versuchte, die Heilige Schrift nach ihrem ursprünglichen Sinn auszulegen. Die Christologie Antiochiens betonte im Gegensatz zu Apollinaris die Menschheit Jesu Christi. Gleichzeitig hielt sie jedoch an Seiner Gottheit fest. Beide Naturen bestanden nebeneinander, ohne daß die eine in der anderen aufgegangen ist.

Apollinaris hingegen zählte zu den Vertretern der alexandrinischen Theologie. Sie war stark vom griechisch-philosophischen Einfluß geprägt und ganz auf das Übernatürliche ausgerichtet. Sie geht von der prinzipiellen Unvereinbarkeit des Göttlichen mit dem Menschlichen aus.

 

b) Nestorius und Cyrill

Die Unterschiede der beiden oben dargestellten Richtungen bilden den Hintergrund für die Auseinandersetzungen zwischen Nestorius und Cyrill. Nestorius, 428 Patriarch von Konstantinopel, gehört zu den umstrittensten Gestalten der Kirchengeschichte. Seine Verurteilung als Ketzer wird bis heute diskutiert. Es gilt jedoch als sicher, daß der Kampf gegen ihn nicht nur sachlich theologisch motiviert war. Besonders in der Auseinandersetzung zwischen Nestorius und Cyrill wird Theologie mit Machtstreben und persönlichen Gründen vermischt. Ursprünglich entzündete sich der Streit, als Nestorius sich gegen die immer stärker werdende Marienverehrung aussprach. Er wandte sich eindeutig dagegen, Maria als "Gottesgebärerin" zu bezeichnen. Kein Mensch konnte Gott gebären, so könnte Maria höchstens als "Christusgebärerin" bezeichnet werden. Nestorius unterschied deutlich zwischen der göttlichen und der menschlichen Natur Christi. Daher wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, er lehre zwei Söhne und vernachlässige die Einheit der Person.

Obwohl Cyrill, Patriarch von Alexandrien, und damit Nestorius' Mitbewerber um die kirchliche Macht im Orient, sich deutlich von der einseitigen Meinung Apollinaris distanzierte, vertrat er doch die alexandrinische Theologie. Er versuchte, beide theologischen Strömungen, die antiochenische und alexandrinische, zu vereinen. Gleichzeitig bekämpfte er Nestorius außergewöhnlich hart. Hier betonte er besonders die Einheit der Person Christi. Das Paradoxon der zwei Naturen und der einen Person löste auch er nicht.

 

c) Das Konzil von Chalcedon

Der Konflikt um Nestorius und das Zueinander der Naturen Jesu Christi nahm an Schärfe zu. Im Verlauf dieses Streites wurde auch vor Androhung körperlicher Gewalt und deren Ausführung nicht zurückgeschreckt (s. Räubersynode von Ephesus 449). Den Abschluß fand die Diskussion erst in Chalcedon. Das Konzil von Chalcedon (451) hat außerordentlich große Bedeutung. Nestorius wurde zwar verdammt, nicht jedoch die übrigen Antiochener. Hier wurde die antiochenische mit der alexandrinischen Theologie vereinigt. Abendland und Morgenland vereinigten sich in einer orthodoxen Lehrformulierung.

Wie alle Bekenntnisse der Christenheit, so ist auch der Konzilbeschluß von Chalcedon aus einer ganz bestimmten geschichtlichen Situation hervorgegangen. Niemals kann solch einem Bekenntnis der gleiche Stellenwert eingeräumt werden wie der ewigen Offenbarung Gottes in Seinem Wort. Zur Verdeutlichung fügen wir einige Klammerbemerkungen in den Text ein:

"Wir bekennen ein und denselben Sohn (gegen Nestorius, der angeblich zwei Söhne lehrte), unseren Herrn Jesus Christus. Er ist vollkommen in der göttlichen Natur (gegen den dynamistischen Monarchianismus, Arius und Nestorius) und vollkommen in der menschlichen Natur, wahrhafter Gott und wahrhafter Mensch mit vernünftiger Seele und Leib (gegen Apollinaris), mit dem Vater in einerlei Wesen der göttlichen Natur nach (vgl. Nicänum) und von gleichem Wesen wie wir nach der menschlichen Natur, in allem uns gleich, doch ohne Sünde; der göttlichen Natur nach ist er geboren vom Vater vor der Zeit, nach der menschlichen Natur in der jüngsten Zeit um unsert- und unserer Erlösung willen geboren von der Jungfrau Maria, der Gottesgebärerin (Cyrill gegen Nestorius); ein und derselbe Christus, Sohn, Herr, eingeboren, offenbart in zwei Naturen (die abendländische Theologie) ohne Vermischung, ohne Verwandlung (z.B. gegen Apollinaris), unauflöslich, untrennbar (gegen Nestorius), wobei der Unterschied der Naturen keineswegs um der Einheit willen aufgehoben wird. Vielmehr wird die Eigenart jeder der Naturen gewahrt, und beide gehen zusammen zu einer Person und einer Hypostase, nicht gesondert oder geteilt in zwei Personen, sondern zu ein und demselben Sohn und eingeborenen Gott, Logos, dem Herrn Jesus Christus."

Durch die Beschlüsse von Nicäa und Chalcedon besaß die Kirche nun autoritative Zusammen-fassungen der Lehre von Christus. Trotz dieser großen und für die Kirchengeschichte wichtigen Leistung halten wir daran fest, daß diese Texte niemals auf gleicher Stufe mit dem inspirierten Wort Gottes stehen dürfen!

 

4. Weitere Entwicklungen

Wie schon nach Nicäa, so folgten auch auf Chalcedon langanhaltende Streitigkeiten.Teils politisch motiviert, teils von Gruppen entfacht, gegen die sich Chalcedon aussprach, kam es zu weiteren Diskussionen. Wiederum kann ein allgemein anerkanntes Bekenntnis den Glauben an das Wort Gottes nicht ersetzen.

Der menschliche Verstand kann die Tatsache zweier Naturen in einer Person nicht begreifen. So wehren sich in den folgenden Jahren die Monophysiten gegen die menschliche Natur Christi. So stellten sich einige von ihnen, ganz wie Apollinaris, das Fleisch Christi vergöttlicht vor. Auch wenn der Einfluß der Monophysiten langsam schwand, blieb das Problem für den menschlichen Verstand ungeklärt.

Auf den monophysitischen Streit folgte der monotheletische Streit, in dem es um die Frage ging, ob sich in Christus ein einziger oder zwei Willen vorfinden.

Erst Jahrhunderte später - im Mittelalter - wurden die christologischen Streitigkeiten vorübergehend abgeschlossen. Nicht etwa, weil sie gelöst wurden, sondern weil andere Fragen in den Vordergrund traten und alte Diskussionen verdrängten. Die Frage nach der Person Jesu Christi ist bis heute für den menschlichen Verstand unbegreiflich. Wir begegnen dieser Frage etwa im Gespräch mit Zeugen Jehovas, die arianische Standpunkte vertreten. Oder wir sprechen mit Menschen, die beeinflußt von moderner Theologie, zwischen dem historischen Jesus und dem verkündigten Christus unterscheiden. Wie wichtig ist es für uns, allein bei den Aussagen des Wortes Gottes zu bleiben, auch wenn wir vieles mit unserem Verstand nicht erfassen können.