VI. Kapitel: Unsere Stellung zur Bibel

 

1. Unsere Stellung zu verschiedenen Inspirationslehren

Wenn wir Kommentare oder andere Bücher über die Bibel studieren, stoßen wir oft auf Aussagen, die uns befremden oder von denen wir sofort sagen können, daß sie falsch sind. Trotzdem erhebt der Autor den Anspruch, "bibeltreu" und "wissenschaftlich exakt" gearbeitet zu haben. Neben der Frage der Hermeneutik (Verfahren der Auslegung und Anwendung von Texten), stellt sich die Frage des Inspirationsverständnisses des Autoren.

Wir wollen die häufigsten Mißdeutungen der biblischen Inspirationslehre aufzählen. In allen erkennen wir letztlich den Versuch Satans, das Vertrauen in Gottes Wort zu untergraben. Sie entstehen, indem der Mensch etwas zu erklären versucht, was dem menschlichen Verstand unverständlich ist. Es geht um die zwei Elemente, zwei Kräfte, zwei Verfasser, die in jedem Wort der Bibel gleichzeitig vorhanden sind: Gott und der Mensch.

Die verschiedenen Theorien über die Inspiration beschäftigen sich mit der Beziehung dieser beiden zueinander. Erst in den letzten 200 Jahren gewannen diese Überlegungen an Bedeutung; in früheren Jahrhunderten galt die Bibel als völlig inspiriertes Wort Gottes.

Es erfordert heute Bekennermut, sich gegen die "modernen" Auffassungen über die Inspiration zu stellen. Man wird als "rückständig" bezeichnet, verspottet und verlacht. Gläubige Theologiestudenten können in den hiervon betroffenen Fachgebieten keine Doktorarbeit einreichen, weil sie als unwissenschaftlich gilt, wenn nicht die gängige Theologie vertreten wird.

Wir wollen nun versuchen, einige Hauptanschauungen - oder besser - Hauptirrtümer, über die Inspiration der Heiligen Schrift darzustellen. Wir werden uns bewußt machen müssen, daß viele Buchautoren und Theologen ein Gemisch unterschiedlicher Theorien vertreten. Vollkommen einig sind sich die wenigsten.

 

a) Natürliche Inspiration

Eigentlich dürfte die natürliche Inspiration gar nicht zu den Inspirationsverständnissen gezählt werden, leugnet sie doch jeden übernatürlichen Eingriff Gottes. Sie lehrt, daß auf dem Gebiet der Religion außerordentlich begabte Künstler und Schriftsteller die Bibel schrieben. Paulus wird auf eine Stufe gestellt mit Shakespeare, Mohammed oder Goethe.

Wir verwerfen diese Ansicht, denn sie leugnet den von der Schrift erhobenen Anspruch: Gott hat geredet! Gott hat in diesem Modell keinen Platz, es handelt sich eigentlich um eine atheistische Erklärung der Entstehung der Bibel.

 

b) Ideeninspiration

Im Rahmen der Ideeninspiration wird versucht, den Inhalt (die Aussage) von den einzelnen Worten zu trennen. Nur der Gedanke gilt als inspiriert, nicht jedoch die vom Schreiber benutzten Wörter. Die Wortwahl war allein dem Schreiber überlassen. Wir könnten es auch so ausdrücken: nur die Schreiber waren inspiriert, nicht die entstandene Schrift.

Wir verwerfen diese Ansicht, denn sie leugnet die direkte Offenbarung Gottes in der Schrift. Die Schrift wäre nur noch das Echo der stattgefundenen Offenbarung, eine Nacherzählung des Erlebten. Worte und Inhalt lassen sich nicht trennen. Worte können nicht einfach ersetzt oder vertauscht werden. Leider findet diese Ideeninspiration auch unter wiedergeborenen Christen viele Anhänger, und das, obwohl die Bibel gerade auf die einzelnen Worte Wert legt (vgl. nochmals die Verse in 1.Kor 2,13; Joh 6,63; 17,8).

 

c) Partielle Inspiration

Diese falsche Theorie behauptet, daß nur Teile der Schrift inspiriert sind, während andere Teile rein menschlichen Ursprungs sind. So seien z.B. die Aussagen über unser Heil inspiriert, während die Aufzeichnungen der Geschichte Israels dem Wissen und Glauben der damaligen Zeit entsprächen und aufgrund des ausschließlich menschlichen Ursprungs mit Fehlern behaftet seien. Neben den wunderbaren Offenbarungen enthalte die Bibel viele Mythen, Legenden und damit verbunden auch Fehler. Die beiden Verfasser - Gott und der Mensch - der biblischen Worte werden getrennt. Der Wissenschaft und dem Leser bleibt es vorbehalten, diese Trennung nach eigenem Gefallen vorzunehmen. Das Schlagwort dieser Theorie ist:

"Die Bibel enthält Gottes Wort!"

Es muß jetzt darum gehen, die Wahrheit zu finden. Über die Frage, wie dies möglich ist, herrscht Uneinigkeit. Für einige gilt als Kriterium eine inhaltliche Aussage ("was Christum treibet"), andere beurteilen die Schrift nach ihrer Nähe zur apostolischen Verkündigung oder auch, indem sie bestimmte Bücher der Bibel hervorheben. Bei anderen ist es das Gefühl, das als Kriterium dient, was Gottes Wort ist und was nicht. Diese Suche nach dem "Wort Gottes" innerhalb der Bibel wird als Suche nach dem "Kanon im Kanon" bezeichnet.

Wir verwerfen diese Ansicht, weil sich der Mensch anmaßt, Richter über das Wort Gottes zu sein. Er glaubt, er könne unterscheiden, was inspiriertes Gotteswort sei und was nicht. Dabei sind seine Kriterien niemals objektiv, sondern immer subjektiv. Was ihm gelegen kommt, ist göttlich; was ihm nicht paßt, darf eben nicht inspiriert sein! Wir können die beiden Verfasser der Heiligen Schrift nicht trennen. Wenn jeder einzelne entscheiden muß, was inspiriertes Wort Gottes ist und was nicht, so bleibt der Mensch zwangsläufig in einem gefährlichen, ungewissen Zustand.

In den über 200 Jahren, in denen die Suche nach dem "Kanon im Kanon" mit viel Einsatz und Aufwand betrieben wurde, war man erfolglos. Dies liegt zum einen an den oben erwähnten subjektiven und zum Teil ungenauen Kritierien, zum anderen aber (und das ist der eigentliche Grund) an der Tatsache, daß die Bibel selbst keinerlei Maßstab, kein Kriterium für diese Suche gibt. Sie beansprucht in ihrer Ganzheit, mit allen Büchern und Kapiteln, Gottes Wort zu sein und als solches akzeptiert zu werden.

 

d) Graduelle Inspiration

Im Unterschied zur partiellen Inspiration bezeugt die graduelle Inspiration göttliche Inspiration für alle Teile der Bibel, jedoch sei der Grad dieser Inspiration unterschiedlich. Man möchte unterscheiden zwischen christusnahen und christusfernen Teilen der Bibel. So gelten die Worte Jesu mehr als die Worte der Apostel, die jedoch den Schreibern des AT wieder überlegen sind.

Wir verwerfen diese Ansicht, denn wiederum erhebt sich der Mensch zum Richter über die Bibel. Dabei erliegt er einem Irrtum, weil er "Erkenntnis" und "Inspiration" verwechselt. Zwar mag es Unterschiede in der Erkenntnis (geistlichen Reife) der Verfasser gegeben haben, doch ist gerade dieser Unterschied durch die Theopneustie (Inspiration) aufgehoben worden.

 

e) Mechanische Inspiration

Das mechanische Inspirationsverständnis oder auch "Diktatinspiration", lehrt, daß Gott dem Menschen Seine Worte diktiert hat. Der Mensch war damit nicht mehr selbst beteiligt, sondern nur Schreibmaschine Gottes. Wir könnten auch sagen, daß die Bibel vom Himmel gefallen ist. Die Schreiber der biblischen Bücher waren nur passive Empfänger und Sekretäre. Durch die passive Rolle des Menschen wurde, so wird gelehrt, der Text vor Fehlern und Irrtümer bewahrt.

Wir verwerfen diese Ansicht, da die Persönlichkeit der einzelnen Verfasser in ihren Büchern klar zum Ausdruck kommt. Form und Stil der Bücher unterscheiden sich. Unterschiedlicher Wortschatz und unterschiedliche Wortwahl unterscheiden die Verfasser. Jesaja schreibt anders als Amos; Paulus anders als Johannes. Zudem stellt die mechanische Inspirationstheorie den Bibelleser vor unlösbare Probleme. So z.B. wenn er liest, daß Lukas geforscht habe (Lk 1,1-4).

Wir wollen jedoch festhalten, daß das Resultat der mechanischen Inspiration identisch ist mit dem Resultat der völligen Inspiration. Allerdings ist die Methode, wie Gott der Menschheit Sein Wort gab, völlig verschieden. Gott übergeht die Persönlichkeit des Schreibers nicht, Er benutzt sie!

Vorsicht: Uns wird heute oft vorgeworfen, dieses falsche Inspirationsverständnis zu lehren. Das Schlagwort, das dann in der Diskussion fällt, heißt "Verbalinspiration"! Dieser Begriff wird im englischen Sprachraum für den Inhalt der biblischen "völligen Inspiration" gebraucht, hingegen im deutschen Sprachgebrauch meist mit der mechanischen Inspiration gleichgesetzt. Nachdem auch deutsche Autoren "Verbalinspiration" im englischen Sinne verwandten, haben wir einen Begriff mit zwei völlig verschiedenen Bedeutungen. Wir müssen also nachfragen und genau zuhören, wie der Begriff definiert wird.

 

f) Modernistische Inspirationsverständnisse

Wir können nicht auf alle zeitgenössischen Strömungen in der Theologie eingehen. Meist sind sie eine Mischung der oben dargelegten Inspirationsverständnisse. Wir wollen jedoch kurz auf eine Richtung eingehen, wie sie neben anderen auch gerade von Karl Barth und seinen Schülern gelehrt wurde und wird. Dies ist daher notwendig, weil wir Einflüsse dieses Verständnisses in vielen Kreisen, auch innerhalb des evangelikalen Spektrums, vorfinden.

Mit großer Freude haben gläubige Menschen bei Barth gelesen: "die Heilige Schrift ist Gottes Wort" oder "wir glauben, daß die Bibel Gottes Wort ist". Nach Jahrzehnten radikalster Bibelkritik erschien dies als Befreiung. Doch Vorsicht! Hier werden oft biblische Ausdrücke gebraucht, die jedoch mit völlig anderem, unbiblischen Inhalt gefüllt sind. Plötzlich ist die Bibel nicht mehr das Wort Gottes, das wir in der Hand halten, sondern ein Buch, das Gottes Wort wird, wenn wir Gottes Reden darin hören! Barth sagt: "Die Bibel ist Gottes Wort, sofern sie Gott Sein Wort sein läßt, sofern Gott durch sie redet." Erst in dem Moment, in dem wir uns getroffen fühlen - Gottes direkte Ansprache vernehmen - wird das Wort der Bibel zu Gottes Wort. Gott bedient sich sogar einer fehlerhaften Schrift. Und wir erinnern uns an ein Reden Gottes durch die Bibel und schlagen sie auch weiterhin auf in der Hoffnung, daß sich dieser Vorgang, dieses unfaßbare Wunder wiederholt.

Wir verwerfen diese Ansicht, weil die Bibel bezeugt, Gottes Wort zu sein (nicht zu werden!)! Wir brauchen nicht auf ein "Ereignis" zu warten, sondern dürfen aktiv lesen und Gott auf Sein Wort hin antworten. Die Gefahr dieser Lehre besteht nicht zuletzt darin, daß der Mensch sich nur noch passiv verhalten kann. In der missionarischen Predigt geht es nicht mehr um einen Aufruf zur Buße, zur Reaktion auf das Heilshandeln Gottes, sondern um ein Mitteilen von Information. In der Folge öffnet eine solche Theologie der "Allversöhnung" ("alle Menschen kommen in den Himmel") und dem Skeptizismus ("man kann ja letztlich doch nicht wissen") die Tür. Wir bekennen die Aussagen der Schrift, daß Menschen ohne Christus in die ewige Verdammnis gehen, die Erlösten jedoch sich ihres Heils gewiß sein dürfen.

 

2. Unsere Stellung zur Auslegung der Bibel

Neben dem Inspirationsverständnis spielt die Hermeneutik eine entscheidende Rolle. Es geht um die Art und Weise der Auslegung und Anwendung biblischer Texte. Da wir im Bereich der Bibliologie nicht Hermeneutik behandeln können und wollen, beschränken wir uns auf den zentralen Aspekt: das Wirken des Heiligen Geistes - s. Abschnitt c)!

 

a) Unfähigkeit des natürlichen Menschen

Die Bibel lehrt, daß der natürliche Mensch vom Wort Gottes nichts vernehmen kann.

1.Kor 2,14 "Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden."

Egal, wie gelehrt oder gebildet der ungläubige Mensch ist, er kann das Wort Gottes nicht begreifen, es ist ihm eine Torheit (1.Kor 1,18). Wann immer ein solcher Mensch eine führende theologische Stellung einnimmt, bedeutet es für die Sache des Herrn eine große Gefahr. Dies gilt genauso für unsere Mitarbeiterkreise in der Gemeinde (Sonntagsschule, Jungschar, Jugend, Frauenstunde, usw...).

Bereits im AT finden wir Stellen, die deutlich zeigen, daß die Schrift ohne den Heiligen Geist nicht verstanden werden kann:

Jes 29,11-12 "Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'; oder das man einem gibt, der nicht lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: 'Ich kann nicht lesen.'."

Bis heute hat sich daran nichts geändert. Es bleibt so, wie wir es beim Kämmerer aus Äthiopien finden:

Apg 8,30-31 "Da lief Philippus hin und hörte, daß er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen."

Auch den Jüngern, die lange Jahre mit dem Herrn Jesus gelebt haben, erging es nicht anders. Sie hatten alles für Ihn verlassen, folgten Ihm nach, liebten Ihn - aber Seine Reden über Tod und Auferstehung verstanden sie nicht.

Lk 18,34 "Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war."

 

b) Blindheit Israels

Interessant ist es, an dieser Stelle die Situation des Volkes Israels zu betrachten. Die Juden unterliegen einer zeitlich begrenzten Blindheit (Röm 11,25). Diese ist zwar national, aber nicht universal, d.h. immer wieder können einzelne Juden zum Glauben kommen. Paulus selbst gehörte wie der Großteil der Urgemeinde zu ihnen.

2.Kor 3,13-16 "und tun nicht wie Mose, der eine Decke vor sein Angesicht hängte, damit die Israeliten nicht sehen konnten das Ende der Herrlichkeit, die aufhört. Aber ihre Sinne wurden verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan."

Für den Ungläubigen wie auch für den Juden bleibt die Bibel toter Buchstabe - und der Buchstabe tötet (2.Kor 3,6). Der Geist gibt dem Buchstaben das Leben. Man kann die Bibel lesen, sogar mit dem Verstand die Prinzipien der völligen Inspiration bejahen und vertreten, ohne daß die Decke vom Herzen weggenommen ist.

 

c) Wirken des Heiligen Geistes

Durch die Wiedergeburt beginnt ein wunderbarer, erleuchtender Dienst des Heiligen Geistes in dem Gläubigen. In dem Maße, wie wir Ihm Raum geben, wird Er uns das Wort öffnen. Chambon, ein großer französischer Theologe, drückte es so aus:

"Der Heilige Geist ist der Schlüssel zur Schrift. Man kann wohl versuchen, die Tür zur Schrift ohne Schlüssel aufzustoßen, aber man zerbricht entweder das Schloß oder die Tür."

Der fleischliche Gläubige schränkt durch seine Eigenherrschaft das Wirken des Heiligen Geistes ein.

1.Kor 3,1-3 "Und ich, liebe Brüder, konnte nicht zu euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen, wie zu unmündigen Kindern in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr's nicht, weil ihr noch fleischlich seid. Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise?"
Hebr 5,12-14 bitte nachschlagen!

Wenn der Heilige Geist jedoch die Herrschaft innehaben kann, dann macht Er aus dem geschriebenen Wort ein aktuelles, persönliches und überzeugendes Wort.

Hebr 4,12 "Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräfig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens."

Die Wirkungen des Heiligen Geistes in der Inspiration und Erleuchtung müssen immer zusammengehen.

Joh 14,26 "Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe."
Joh 16,13 "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen."
1.Kor 2,10 "Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit."
1.Joh 2,27 "Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, daß euch jemand lehrt; sondern, wie euch seine Salbung alles lehrt, so ist's wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm."

Leider wird in manchen Kreisen die Erleuchtung durch den Heiligen Geist, die auch als das "innere Zeugnis des Heiligen Geistes" bezeichnet wird, mit eigenen religiösen Erfahrungen, mit dem Gewissen, der Vernunft oder einfach auch mit menschlichen Auslegungen verwechselt. Dabei wird dann der eigenen Erfahrung absoluter Wert beigemessen. Achten wir darauf, daß alle "persönlichen Führungen" des Heiligen Geistes durch das Wort Gottes kontrolliert werden. Wenn wir uns der absoluten Autorität der Bibel nicht mehr unterstellen, indem wir "angebliche" Erleuchtungen oder Führungen auf die gleiche Autoritätsebene stellen, gleiten wir ab in eine Schwarmgeisterei und Irrlehre (1.Kor 14,29) - genannt Subjektivismus.

Nicht das innere Zeugnis des Heiligen Geistes schafft die Autorität der Heiligen Schrift, sondern es überführt uns davon, daß diese Autorität eine Tatsache außerhalb von uns ist. Außerdem überführt uns der Heilige Geist, daß wir uns dieser Autorität mit unserm Leben unterstellen.

 

3. Unsere Stellung zur historisch-kritischen Auslegung der Bibel

Schon lange vor der Aufklärung fand hin und wieder eine Trennung zwischen gelebtem Glauben unter der Leitung des Heiligen Geistes einerseits und "wissenschaftlicher Erforschung" der Bibel unter Leitung des menschlichen Verstandes andererseits statt. Die Tendenz, den eigenen Verstand zum Maßstab der Erforschung göttlicher Offenbarung zu machen, wurde durch die Aufklärung nur noch verstärkt.

Die "Wissenschaft" entwickelte daraufhin eine Methodik, die angeblich objektiv an den zu untersuchenden "Gegenstand", die Bibel, herangeht. Diese Methode, die historisch-kritische Methode (HKM), ist heute die einzig akzeptierte Vorgehensweise in jeder deutschen theologischen Fakultät.

Wir können hier nicht ausführlich auf den philosophischen Hintergrund der HKM eingehen. Wir merken uns jedoch, daß sie von einem bestimmten Verständnis der Bibel ausgeht. Die Geschichte der Bibel scheint der einzige Weg zu sein, auf dem sich der Verstand der Bibel nähern kann. Diese ist für den Theologen nicht mehr das inspirierte Wort Gottes, sondern eine geschichtlich gewordene Religionsurkunde. In ihr spiegelt sich nicht mehr der Wille Gottes wider, sondern lediglich der Glaube jener Leute, die an ihrer Abfassung beteiligt waren.

Da die HKM stark vom jeweiligen Zeitgeist abhängig ist, können wir sie nicht einheitlich beschreiben. Verschiedene Forscher benutzen sie auf verschiedene Weise. Ja, wir können nirgends auch nur den Ansatz einer objektiven Methode entdecken, sondern stoßen immer auf äußerst subjektive Bausteine, die nach Belieben zusammengefügt werden. Von diesen Bausteinen wollen wir die wichtigsten Begriffe kurz darstellen und erläutern.

Bevor wir uns jetzt mit den diversen "Kritiken" auseinandersetzen, wollen wir beachten, daß das Werkzeug, mit dem gearbeitet wird, nicht von vornherein zu verdammen ist. Auch wir wollen und müssen zum besseren Verständnis der Bibel Literar-, Form- und Redaktionsanalyse betreiben. Jedoch sprechen wir immer von "Analyse", nie von Kritik. An keiner Stelle wollen wir das ewige Wort Gottes durch Ergebnisse unserer Forschung verändern oder in Frage stellen. Nie wollen wir es beurteilen oder bewerten. Dies ist der Unterschied zwischen "Kritik" und "Analyse".

 

a) Literarkritik

Eine Säule der HKM ist die Literarkritik. Hier wird die Bibel mit den Mitteln und Methoden untersucht, die ganz allgemein auf jedes andere Buch angewandt werden. Besonders der Verfasser steht im Mittelpunkt - sein Wortschatz und sein Stil werden genauestens untersucht, vor allem soll sein theologisches Grundanliegen herausgestellt werden.

Mit diesen Informationen über den Verfasser ausgestattet, wird nun sein ganzes Werk kritisch unter die Lupe genommen. Alle Verse, Abschnitte, Kapitel oder auch ganze Bücher, die sich nicht mit dem selbstgewonnenen Bild von dem Verfasser decken, werden im Rahmen der Literarkritik als "unecht" eingestuft und verworfen. (So kommen z.B. Aussagen zustande, daß von den 66 Kapiteln des Propheten Jesaja nur 2 Verse von ihm selbst stammen könnten!)

Natürlich trägt diese Methode nicht zum Verständnis der Bibel bei. Wir müssen ihr entgegenhalten, daß sich allein schon durch unterschiedliche Situationen, Themen oder auch Empfänger der Stil und Wortschatz eines Autoren grundlegend unterscheiden kann. Dies wird jedoch nirgends berücksichtigt. Die Literarkritik ist damit in ihrem Kern von falschen Voraussetzungen ausgehend entlarvt.

Häufig begegnen wir dem Begriff Quellenscheidung. Die Quellenscheidung gehört zur Literarkritik und untersucht vor allem bei sogenannten Sammelwerken, also Büchern, die angeblich nicht nur von einem Verfasser geschrieben wurden (1.-5.Mose wird oft angeführt), die diversen Einzelteile, aus denen das Buch später zusammengefügt wurde. Als Ergebnis der Quellenscheidung stehen wir vor einem Trümmerhaufen unterschiedlich abgegrenzter Abschnitte, über deren Zuordnung heftig gestritten wird. Wir stellen bald fest, daß gerade die Quellenscheidung äußerst subjektiv und damit unhaltbar ist. Was uns so oft als gesicherte Erkenntnis jahrelanger Forschung verkauft wird, entpuppt sich als rein spekulatives Gedankengebilde, das durch keinerlei Beweis abgesichert ist.

 

b) Formkritik

In der Form- und Traditionskritik versucht der "Wissenschaftler", Einblick in die Zeit vor der schriftlichen Fixierung einzelner Abschnitte zu erhalten. Es geht um die Zeit der mündlichen Tradierung. Einzelne Abschnitte werden dann Kategorien wie "Legende", "Sage" oder "Anekdote" zugeordnet. Oftmals wird noch versucht festzustellen, wo die so abgegrenzten Texte erzählt oder z.B. die Psalmen gesungen wurden. Der "Theologe" bezeichnet dies als den "Sitz im Leben". (Z.B. sollen bestimmte Verse der paulinischen Briefe ihren "Sitz im Leben" im Taufunterricht haben; d.h. diese Verse wurden, bevor Paulus sie aufschrieb, mündlich im Rahmen des Taufunterrichtes gebraucht. Die meisten Sitz-im-Leben-Aussagen sind jedoch reine Phantasieprodukte, bzw. schwach begründbare Spekulationen!)

Im AT stoßen wir, so wird uns von Kritikern gesagt, häufig auf ätiologische Sagen. Sie wurden nur gebildet (sind also erfunden!), um eine bestimmte Erscheinung zu erklären. Hierbei kann es sich z.B um eine Ortsbezeichung, einen auffälligen Stein, Steinhaufen oder Ruinenhügel handeln. Nicht eine wahre Begebenheit gab der Stätte ihren Namen, sondern um den Namen zu erklären, wurde eine Geschichte erfunden und weitererzählt. Diese Auffassung von der Entstehung vieler Kapitel unserer Bibel weisen wir aufs schärfste zurück.

Es muß noch einmal gesagt werden, daß wir uns wohl einer Formanalyse bedienen. Wir unterscheiden Formen und Gattungen, z.B. ist uns der Unterschied zwischen Poesie und Prophetie, zwischen Brief und Evangelium, aber auch in kleinerem Maßstab zwischen Hymnus, Klage- und Lobpsalm bekannt. Wir benutzen diese Formanalyse jedoch nur, um die Aussagen des Textes besser zu verstehen, nie um sie zu hinterfragen oder zu korrigieren.

 

c) Redaktionskritik

Die Redaktionskritik betrachtet nicht mehr die einzelnen kleinen Abschnitte, sondern deren Rahmen. Dieser Rahmen verbindet die einzelnen Abschnitte miteinander zu dem betreffenden Buch. Indem man diesen Gesamtrahmen eines Buches untersucht, meint man, die theologische Absicht des Redaktors ermitteln zu können. Sie muß dem Exegeten bekannt sein, damit er die Intention des Verfassers versteht und die daraus folgende Färbung der Berichterstattung gebührend berücksichtigen kann. Mit anderen Worten: nicht mehr Gott offenbart sich durch die Werke eines Verfassers, sondern ein Mensch schreibt aus eigenem Antrieb ein Buch mit einer bestimmten Absicht. Nicht Gott ergreift die Initiative und lenkt in eine bestimmte Richtung, sondern der Mensch! Das ist unbiblisch.

 

Zusammenfassend können wir feststellen, daß Literar-, Form- und Redaktionskritik automatisch zur Sachkritik führen. Ihr geht es um die Frage, ob die in der Bibel berichteten Ereignisse wirklich so stattgefunden haben können. Nur was für den menschlichen Verstand einleuchtend und nachvollziehbar ist, kann als wirklich geschehen betrachtet werden. So scheidet alles Wirken Gottes auf übernatürliche Weise aus. Was nicht wiederholbar, allgemeingültig, allgemeinverständlich oder kontrollierbar ist, kann nicht stattgefunden haben. Uns leuchtet ein, daß bei einer so konsequenten Sachkritik große Teile der Bibel gestrichen werden müssen. Gott offenbart sich immer wieder auf unerklärliche Weise. Sie kann einmalig, nur für einen Menschen gültig, nur von wenigen verstanden und völlig unkontrollierbar sein.

Wir lehnen auch eine gemäßigte historisch-kritische Methode ab. Zur HKM sagen wir ein absolutes Nein.

 

4. Unsere Stellung zum Gebrauch der Bibel

Am Schluß unserer Überlegungen über die Heilige Schrift wollen wir noch zwei wesentliche Punkte ansprechen. Wir haben verschiedene Aspekte des Gebrauchs, der Geschichte und des göttlichen Ursprungs der Heiligen Schrift untersucht. Wie stellen wir uns dazu? Es ist nicht möglich, ein echtes Studium der Bibliologie durchzuführen und dabei uns selbst auf "neutralem" Boden bewegen zu wollen.

Das Wort Gottes ist kein totes Objekt, das analysiert und weggelegt werden kann. Nein, Gott spricht zu uns, Er fordert uns heraus und stellt uns unsere Verantwortung gegenüber einer verlorenen Welt vor Augen.

 

a) Herausforderung

(1) Höre das Wort!

Das ganze Wort Gottes ist eine laute Herausforderung an den Menschen: Höre!

Jes 1,2 "Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der Herr redet!"
Mt 17,5 "Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!"
Off 2,7 "Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist."
Ag 2,22 "Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wißt"

Wir finden aber auch eine Vielzahl anderer Ausdrücke, die die gleiche Herausforderung beinhalten:

Jes 34,16a "Suchet nun in dem Buch des Herrn und lest!"
Ps 34,9 "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!"
Hes 3,10 "Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, alle meine Worte, die ich dir sage, die fasse mit dem Herzen und nimm sie zu Ohren!"
Joh 7,37 "Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!"

"Hören" ist eine innere Stellungnahme, die Bereitschaft, sich dem Wort Gottes auszusetzen. "Hören" ist ein aktiver Willensakt.

Die Sünde beginnt damit, daß der Mensch nicht hören will, was Gott ihm zu sagen hat.

Jer 25,3-4+8 "Vom dreizehnten Jahr des Josia an, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, ist des Herrn Wort zu mir geschehen bis auf diesen Tag, und ich habe zu euch nun dreiundzwanzig Jahre lang immer wieder gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen. Und der Herr hat zu euch immer wieder alle seine Knechte, die Propheten, gesandt; aber ihr habt nie hören wollen und eure Ohren mir nicht zugekehrt und mir nicht gehorcht, [...] Darum spricht der Herr Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt..."

Vgl auch Jer 7,24-28.

 

(2) Glaube dem Wort!

Wahres Hören und Glaube sind untrennbar verbunden:

Joh 5,24 "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist von Tode zum Leben hindurchgedrungen."
Röm 10,14+17 "Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? [...] So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi."

Der Heilige Geist, der Verfasser der Bibel, wirkt den Glauben durch das Wort Gottes. Er stellt uns vor die lebendige Person des redenden Gottes. Er, der Heilige Geist, verklärt uns Christus - das fleischgewordene Wort - so, daß in uns Glaube entstehen kann.

Wie schon das Hören, so ist auch der Glaube ein Willensentschluß (nicht eine Sache des Verstandes!). Zwar ist Glaube Gottes Werk in uns, aber Glaube ist nie Zwang. Glaube ist das "Ja" unseres Willens auf die Wirkung des Wortes Gottes hin. In Seinem Wort fordert Gott uns Menschen auf, dieses Wort (und damit die Person, die es redet) an- und aufzunehmen (Joh 1,12).

Unglaube ist diejenige Sünde, um derentwillen die Welt verloren geht:

Joh 16,9 "über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;"
Joh 8,24 "Darum habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden."
Hebr 11,6 "Aber ohne Glauben ist's unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt"

 

(3) Gehorche dem Wort!

Wer das Wort Gottes aufnimmt, es glaubt, der läßt es auch zur Auswirkung in seinem Leben kommen. So wenig der Glaube vom Hören zu trennen ist, so wenig ist der tätige Gehorsam vom Glauben zu trennen. Die Schrift fordert uns immer wieder zur Tat heraus:

5.Mose 4,1 "Und nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich euch lehre, daß ihr sie tun sollt, auf daß ihr lebet und hineinkommt und das Land einnehmt, das euch der Herr, der Gott eurer Väter, gibt."
Mt 7,24 "Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute."
Jak 1,22 "Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst."
Jak 2,17 "So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber."

Wieder ist unser Wille gefragt. Auch der Gehorsam dem Wort gegenüber ist eine bewußte Willensentscheidung.

Jer 25,7 "Aber ihr wolltet mir nicht gehorchen, spricht der Herr, auf daß ihr mich ja erzürntet durch eurer Hände Werk zu eurem eigenen Unheil."

Wir haben die Herausforderung der Heiligen Schrift vernommen: Höre! Glaube! Gehorche!

 

b) Verantwortung

Wir können es nicht oft genug betonen: Mit der Bibel halten wir Gottes Wort, Seine Offenbarung, Seine Willensäußerung in Händen. Wenn uns dies bewußt ist, so spüren wir auch die große Verantwortung, die auf uns ruht.

Röm 10,14+17 "Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? [...] So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi."

Evangelisation und Jüngerschaftsschulung, zwei Schlagworte, mit denen unsere Verantwortung verbunden ist. Ist sie uns wirklich bewußt? Ist dies das Wichtigste, das oberste Ziel in unserm Leben? (d.h. für diese Priorität setze ich meine ganze Kraft, mein ganzes Geld, meine ganze Begabung usw. ein!?)

 

(1) Verkündigung

siehe Praktische Theologie- und Missionsfächer!

 

(2) Verbreitung der Heiligen Schrift

siehe Praktische Theologie- und Missionsfächer!

 

(3) Versorgung mit entsprechenden Übersetzungen

siehe Praktische Theologie- und Missionsfächer!

 

(4) Vermittlung von Erkenntnissen

siehe Praktische Theologie- und Missionsfächer!

 

ANREGUNGEN: