IV. Kapitel: Geschichte der Bibel

 

1. Der Kanon der Bibel

Kanon (griechisch) heißt wörtlich: Stab, Maßstab; im übertragenen Sinne: Regel, Richtschnur. Im 4. Jahrhundert begann man, mit "Kanon" die Liste der biblischen Bücher zu bezeichnen. Wenn wir heute von dem Kanon der Bibel reden, so meinen wir zunächst, daß die in unserer Bibel enthaltenen Bücher gemessen wurden, also geprüft und als autoritativ und kanonisch anerkannt sind. Zweitens anerkennen wir mit dem Begriff "Kanon", daß eben diese Bücher Autorität haben, unser Leben und Verhalten zu messen. Sie sind die maßgebliche Richtschnur für Leben und Glauben.

 

a) Kriterien

Sprachen wir eben von der Prüfung biblischer Bücher, so wollen wir uns die Kriterien dieser Prüfung vor Augen führen:

- Göttliche Autorität

Niemals hat die Kanonisierung eines Buches ihm Autorität verliehen. Nur die göttliche Inspiration und der damit verbundene Anspruch Gottes, authentisches Wort zu sein, macht ein Buch autoritativ.

- Prophetische bzw. apostolische Herkunft

Die Bücher mußten von Propheten oder Aposteln geschrieben sein, bzw. aus deren Umfeld stammen. Hierbei spielt z.B. auch die göttliche Berufung eine wichtige Rolle (Hes 2,3-7; 3,1-4; Röm 1,1+5).

- Historische und dogmatische Zuverlässigkeit

Ein Buch, das später geschrieben wurde, muß mit den älteren Schriften inhaltlich vereinbar sein. Dieser Punkt wendet sich nicht gegen die fortlaufende Offenbarung (z.B.: Eph 3,3-6), wie sie uns der Herr gab, sondern gegen Bücher, die etwas den übrigen Büchern völlig Fremdes lehren.

- Bestätigendes Zeugnis des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist mußte in der Folgezeit ein Buch legitimieren. Zum einen wurde dies deutlich in der erbaulichen, lebensverändernden Wirkung der Bücher (2.Tim 3,16; Hebr 4,12). Zum anderen brachte der Heilige Geist eine allgemeine Auf- und Annahme der Bücher bei Juden-, bzw. Christengemeinden hervor. Die Prüfung lag also darin festzustellen, ob das betreffende Buch allgemein akzeptiert wurde.

Der Kanon der Bibel ist nicht eine Sammlung hebräischer und griechischer Schriften, denen "Heiligkeit" und damit "Autorität" verliehen wurde, sondern eine Sammlung von Schriften, die bereits als heilige Schriften bekannt waren. Die Kanonisierung gibt nicht einem Buch Autorität, sondern stellt nur seine schon vorhandene Autorität fest!

 

b) Kanon des AT

 

(1) Kanon

Der geschichtliche Prozeß der Kanonisierung des AT läßt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Fest steht, daß schon sehr früh der Pentateuch (Thora) als autoritatives Wort Gottes bekannt war (Jos 1,7-8; 1.Kön 2,3). In den Büchern der Propheten finden wir immer wieder den Anspruch bezeugt, von Gott eingegebenes Wort zu sein, und als solches wurden sie dann auch anerkannt (vgl. Dan 9,2 mit Jer 25,11-12).

Die Überlieferung berichtet, daß Nehemia eine Bibliothek anlegte und die heiligen Schriften sammelte (2.Makk 2,13). Auf jeden Fall fällt die Sammlung der Schriften in das 4. Jahrhundert v.Chr., denn bereits die Septuaginta (griechische Übersetzung des AT, entstanden im 3. Jahrhundert v.Chr.) enthält alle Bücher unseres AT.

Unser Herr Jesus kannte und anerkannte diesen Kanon:

Lk 11,51 "von Abels Blut an bis hin zum Blut des Secharja, der umkam zwischen Altar und Tempel."

Der Mord an Abel wird in 1.Mose 4 berichtet, der an Secharja in 2.Chr 24. Und wie wir gesehen haben, ist 2.Chr das letzte Buch in der hebräischen Anordnung des AT.

Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus (37 - 100 n.Chr.) berichtet:

"Man kann die Schriften nicht zum Gegenstand der Diskussion machen, denn man billigt unter uns nur, was die Propheten vor vielen Jahrhunderten geschrieben haben, die gelehrt wurden durch die Inspiration Gottes." (contra Apion 1,8)

In seiner Liste des hebräischen Kanons um 90 n.Chr. erwähnt er die Apokryphen nicht.

 

(2) Apokryphen

Außer den 39 Büchern (nach unserer Zählung) existierten noch weitere Bücher, die aus einer Zeit stammen, in der der Kanon des AT schon gebildet war. Wir kennen sie als Apokryphen, ein Begriff, den Hieronymus diesen Büchern gab. Mit Apokryphen bezeichnete man zu jener Zeit die Geheimschriften von Sektierern (das griechische Wort bedeutet soviel wie "die Verborgenen"). Diese Bücher fanden Eingang in die griechische Übersetzung des AT. Dennoch unterscheiden sie sich stark von den anderen kanonischen Büchern.

Als Martin Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte, hielt er sich strikt an den hebräischen Kanon. Deshalb setzte er die Apokryphen zwischen AT und NT und bemerkte: "Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleichgehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind." In einigen Ausgaben der Lutherbibel sind sie heute enthalten.

Die katholische Kirche hingegen nahm eine andere Stellung ein. Aus den Apokryphen leitete sie z.T. ihre Sakramentslehre und andere Lehren ab (gemeint sind Irrlehren wie die vom Fegefeuer, von der Gerechtigkeit durch gute Werke und von Messen). Wir finden in den Apokryphen:

Vergleicht man diese Lehren mit ihrer Wichtigkeit für den Bestand und das Wesen der Römisch Katholischen Kirche, so läßt sich leicht erkennen, daß die Apokryphen nicht aufgegeben werden konnten. Im Konzil zu Trient (1546) wurden die Apokryphen als kanonisch erklärt. Noch heute sind sie völlig unauffällig zwischen die echten Bücher des AT gereiht. Jeder Priester muß schwören, an die göttliche Inspiration dieses katholischen Kanons zu glauben.

Abschließend zur Betrachtung der Bücher des AT wollen wir nochmals festhalten: Unser Herr Jesus kannte und benutzte den gleichen Kanon wie wir (vgl. Lk 24,27+44). Wir haben deshalb die gleiche Haltung den Schriften Israels gegenüber wie Er. Wir finden bei Ihm keine Spur von Diskussion über irgendein Buch. Er anerkannte und las das Buch, das die Synagoge besaß und auch las; also las Er nie aus den Apokryphen! Er hat sie nicht anerkannt - wir erkennen sie auch nicht an.

In der wieder neu entflammten Diskussion über die Apokryphen, in ihrem immer häufigeren Erscheinen in Bibelausgaben, Verszitaten in christlichen Zeitschriften oder Kommentaren erkennen wir den Versuch, das Wort Gottes zu verfälschen und aufzuheben. Auch in unserer Zeit der Ökumene sagen wir ein klares und eindeutiges "NEIN" zu den Apokryphen!

 

c) Kanon des NT

 

(1) Kanon

Das Werden des NT-Kanons ist wesentlich komplizierter als die Sammlung der AT-Bücher. Wieder wird den einzelnen Schriften keine Autorität verliehen, sondern nur ihre Autorität anerkannt. Doch finden sich diesmal die Schriften nicht nur an einem Ort (wie beim AT im Tempel). Sie sind weltweit in einzelnen Gemeinden verstreut. In den ersten Jahrhunderten dürfte wohl kaum eine Gemeinde im Besitz aller NT-Bücher gewesen sein. Jede Gemeinde akzeptierte oder verwarf Bücher, entsprechend ihres Gutachterausschusses. Über die meisten NT-Bücher schien weltweit bald Übereinstimmung zu herrschen.

Über die folgenden 7 Bücher wurde länger diskutiert:

Die zeitweise unterschiedliche Beurteilung dieser Bücher macht die eigenständige Entscheidung der Gemeinden deutlich. Keine feste Großkirche, auch kein einzelner Bischof traf eine einsame Entscheidung, die sich allzuleicht als Fehlentscheidung hätte herausstellen können. Der Heilige Geist wirkte durch die Gemeinden, so daß wir den Kanon, wie er auf den Konzilen von Hippo 393 und Karthago 397 angenommen wurde, mit fester Gewißheit als göttliche Autorität betrachten.

 

(2) Apokryphen

In den ersten Jahrhunderten entstanden auch Schriften, die neben den als apostolisch bekannten Büchern gelesen wurden. Diese Apokryphen des NT wurden nie in den Kanon aufgenommen.

Es handelt sich um sektiererische Um- und Nachbildungen kanonischer Schriften oder um kirchliche Legenden über das Leben des Herrn Jesu und der Apostel. Man unterscheidet demnach apokryphe Evangelien, Apostelgeschichten und Apokalypsen (griech.: "Enthüllung", Bezeichung für Text über die ferne Zukunft, besonders für die Offenbarung des Johannes).

Diese Schriften bzw. Schriftteile sind sehr zahlreich. Zu den bekannteren gehören: Evangelium des Jakobus, des Petrus, des Philippus und des Thomas; Evangelium über die Kindheit Jesu, über Maria und Joseph; Apostelgeschichte des Philippus, des Andreas, des Thomas; außerdem Apokalypsen des Petrus, des Paulus und des Thomas.

 

d) Vollständigkeit des Kanons

Die Bibel, bestehend aus AT und NT, ist eine abgeschlossene Offenbarung Gottes. Für die Gemeinde Gottes auf Erden gibt es bis zur Wiederkunft des Herrn keine weitere Offenbarung. Der Kanon, wie er uns vorliegt, ist vollständig und korrekt. Folgende Argumente sollen dies unterstreichen:

 

2. Die Überlieferung der Bibel

Wir haben bisher betrachtet, wie die einzelnen Schriften zu unserer Bibel zusammengefügt wurden. Nun wenden wir uns der Frage zu, wie denn diese Schriften, die es ursprünglich in nur jeweils einem Orginal gab, über die Jahrhunderte hinweg in unsere Generation gekommen sind.

 

a) Überlieferung des AT

 

(1) Schreibmaterial

Aus alttestamentlicher Zeit wissen wir von verschiedenen Schreibmaterialien:

Sollten Texte besonders lange erhalten werden, so meißelte man sie in Stein.

2.Mose 32,15 "... die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand, die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selbst die Schrift eingegraben."

Mußten diese Texte nicht transportiert werden, so meißelte man sie in Fels. So wünscht sich Hiob, daß seine Reden zum ewigen Gedächtnis in Fels gehauen würden (Hiob 19,24).

Kleinere Texte (Sprüche, kleine Briefe, u.ä.) wurden mit Tinte auf weißgetünchte Steine (5.Mose 27,2) oder auch gebrannte Tontafeln (sogenannte Ostraka) geschrieben.

Natürlich waren diese Materialien für die Bücher unseres AT nicht geeignet. Hierzu war Material notwendig, auf das wesentlich längere Texte geschrieben werden konnten. So finden wir im AT häufiger den Ausdruck "Buch" oder "Rolle". An diesen Stellen ist von Papyrusrollen die Rede.

Papyrus wurde schon im 3. Jahrtausend v.Chr. in Ägypten hergestellt, gebraucht und exportiert. Man nahm die Stengel der Papyrusstaude (bis zu 6 m lang!), die man in Stücke zerlegte und mit scharfen Werkzeugen in Längsrichtung zu Streifen schnitt. Diese Streifen wurden nun nebeneinander gelegt, und dann eine zweite Schicht quer darüber. Unter Zusatz von Wasser wurden diese Bögen dann gepreßt und geglättet. Schließlich brauchte man nur noch die Ränder sauber abzuschneiden. Nun wurden die einzelnen Teile zusammengeklebt, so daß ein Stück in gewünschter Länge entstand. Dies konnte dann (meist auf der Seite mit den waagerechten Streifen) beschriftet und zur Rolle aufgedreht werden. Zu leicht lassen wir uns von Exponaten in Museen täuschen: Papyrus war nicht zerbrechlich, sondern geschmeidig; auch hatte er nicht diese braune bis dunkelbraune Farbe, die er durch die jahrhundertelange Lagerung im Sand erhielt. Wir müssen uns die ursprünglichen Papyrusbogen oder -rollen in hellgrauer bis hellgelber Farbe vorstellen.

Schließlich begann man wichtige Schriften und Urkunden auf Leder zu schreiben. Lederrollen waren noch haltbarer als Papyrusrollen - und das auch trotz häufiger Benutzung. Hergestellt aus dem Leder einzelner Tiere wurden sie, wie die Papyrusrollen, aus Einzelstücken zusammengenäht. Bis heute wird das Gesetz, das in der Liturgie verlesen wird, auf Lederrollen geschrieben.

Von der Stadt Pergamon in Kleinasien erhielt das Pergament seinen Namen. Abgehäutete Tierfelle (meist Schaf- oder Ziegenfelle) wurden gebeizt, geschnitten und mit Kreide und Bimsstein vorbereitet. Pergament war bedeutend haltbarer als die bisherigen Schreibmaterialien, bot eine glatte, helle Oberfläche, die sich gut zum Beschriften mit Tinte eignete. Ein Vorteil des Pergaments bestand auch darin, daß bereits einmal beschriebene Bögen "abgekratzt" werden konnten, also mit einem Schaber die alte Tinte entfernt werden konnte. Dies war auch aufgrund des Preises ein gern genutzter Vorteil (für 4 Seiten Manuskript benötigte man 1 Tier!). Ein solcher Bogen, dessen ursprünglicher Text abgeschabt und durch einen anderen ersetzt wurde, nennt man ein Palimpsest. Da der ursprüngliche Text mit Hilfe der Infrarotphotographie wieder sichtbar gemacht werden kann, fanden die Forscher viele alte Bibeltexte unter Urkunden und Texten des Mittelalters. Pergament ersetzte also nach und nach den Papyrus, der nach dem 4. Jahrhundert n.Chr. seine Bedeutung verlor.

Vergegenwärtigt man sich, daß die in Qumran gefundene alte Jesajarolle (Material: Leder) eine Länge von 7,24 m hat, und bedenkt man, daß sie beim Lesen von Hand gehalten werden mußte, so läßt sich leicht vorstellen, warum der Pentateuch in 5 Bücher (Rollen) unterteilt wurde!!

Auf Ostraka, Papyrus und Leder wurde mit Tinte geschrieben (Jer 36,18). Sie wurde anfangs aus Ruß (von Olivenöl) und Harz bzw. Öl hergestellt.

 

(2) Schrift

Wir erkennen heute die hebräischen Texte an der Quadratschrift. Es war die Schrift, die auch unser Herr Jesus kannte (Mt 5,18 spricht vom Jota als kleinsten Buchstaben, dies ist nur in der Quadratschrift richtig!). Eigentlich handelt es sich hierbei um die aramäische Schrift, mit der die hebräische Sprache geschrieben wurde. Dieses aramäische Alphabet verdrängte in der nachexilischen Zeit die alt-hebräische Schrift, die zwar noch Jahrhunderte bekannt blieb, aber immer unbedeutender wurde.

Gleichgültig mit welchen Buchstaben sich das Hebräische im Laufe seiner Geschichte schrieb, die Kunst des Lesens und Schreibens war im Volk Israel weit verbreitet.

 

(3) Weitergabe

Die Orginale unserer AT-Bücher wurden immer wieder abgeschrieben und weitergegeben. Besonders in der Zeit nach der Gefangenschaft bildete sich eine Gruppe Männer heraus, die sich ganz dem Studium und der Weitergabe der heiligen Schriften verschrieben hatte. Diese Männer begegnen uns im NT als Schriftgelehrte und Lehrer (Rabbi).

Der Text des AT wurde sehr sorgfältig weitergegeben, war er doch für die frommen Juden heilig. Problematisch wurde es, als Hebräisch nicht mehr gesprochen wurde, und die Juden in alle Welt zerstreut waren. Der Konsonantentext mußte vom Leser ständig um die Vokale ergänzt werden. War dieser Leser aber nicht im Hebräischen zuhause, schlichen sich leicht Fehler ein. Da der Konsonantentext nicht geändert werden durfte, wurden nach syrischem Vorbild unter und teilweise auch über die Konsonanten Punkte gesetzt, die verschiedene Vokale darstellten. Diesen Vorgang nennt man "punktieren". Der punktierte Text war völlig identisch mit dem Konsonantentext, es hatte sich kein Buchstabe verschoben, es waren nur unter (bzw. über) den Buchstaben Vokale hinzugefügt worden. So konnte die Aussprache einzelner Wörter für die folgenden Generationen "konserviert" werden.

Die Gelehrten, die nach dem 5. Jahrhundert n.Chr. mit dieser Überlieferung beschäftigt waren, werden Masoreten genannt. Sie erhielten diesen Namen, weil sie rings um den Text einer Seite, also an allen 4 Rändern und am Schluß eines Buches Bemerkungen zum Text machten. Diese Bemerkungen heißen Masora. In der Masora wurden allerlei Bemerkungen zum Text gemacht, z.B. vor Stellen, die leicht zu Abschreibfehlern führten, gewarnt, oder auch eine Art kleine Konkordanz angeführt (so ist in 1.Mose 1,1 angegeben, daß "im Anfang" 5x im AT vorkommt, davon 3x am Versanfang). Uns kommen viele dieser Bemerkungen wie Spielereien vor, doch zeugen sie oftmals von der gewaltigen Ehrfurcht und Liebe, die die Gelehrten dem Text entgegenbrachten. Für uns ist interessant, daß auch offensichtliche Abschreib- oder Rechtschreibfehler nie im Text korrigiert wurden. Der Konsonantentext wurde, so wie er war, von Generation zu Generation weitergegeben, jedoch nicht ohne die entsprechende Korrektur in der Masora.

Nicht nur die Vokale wurden dem Text hinzugefügt. Die Masoreten trugen auch Sorge, daß die Sprachmelodie des Hebräischen erhalten blieb. In einem äußerst feinsinnigen und komplizierten System von Punkten, Kreisen und Strichen wurden die Akzente dem Text zugefügt. Alle diese Akzente, Vokale und Konsonanten machen das so charakteristische hebräische Schriftbild aus.

Der auf diese Weise überlieferte Text des AT wird als Masoretentext bezeichnet.

Abgenutzte Rollen, die nicht mehr gebraucht werden konnten, wurden sorgfältig in einer feierlichen Prozession zur Beerdigung in geweihter Erde getragen.

Wir wollen jedoch beachten, daß diese Sorgfalt im Umgang mit dem Wort Gottes nicht immer vorhanden war. Wir wissen nur wenig über die Überlieferung des Textes in der vorchristlichen Zeit. Immer wieder waren das Wort Gottes oder Teile davon in Gefahr, vergessen oder vernichtet zu werden (vgl. 2.Kön 22 und Jer 36). Durch alle Jahrhunderte versuchte Satan mehrfach, die Bibel, das Wort Gottes zu vernichten, aber

1.Petr 1,25 "des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit."

Durch Zeiten des Götzendienstes, der Gefangenschaft und der Gleichgültigkeit hindurch bewahrte Gott Seine Offenbarung, so daß wir sie heute, dreieinhalb Jahrtausende nach der Niederschrift des Pentateuch, aufschlagen und lesen dürfen. Welches Wunder begegnet uns auf jeder Seite unserer Bibel!

 

b) Überlieferung des NT

 

(1) Schreibmaterial

Zur Zeit der Entstehung der neutestamentlichen Bücher waren Papyrus und Tinte die üblichen Schreibmaterialen.

 

(2) Schrift

Der griechische Text wurde fortlaufend, also ohne Abstände zwischen Wörtern und Sätzen in Großbuchstaben geschrieben. Wir nennen solche, nur mit Großbuchstaben geschriebenen Texte auch Majuskeln.

 

(3) Weitergabe

Obwohl zur damaligen Zeit die Buchrolle die gängige Form längerer Texte war, benutzten die Christen von Anfang an eine andere Form: den Kodex (pl.: Kodexe oder Kodizes). In der Antike wurden Holztäfelchen, die mit Wachs überzogen und miteinander verbunden wurden, als Kodex bezeichnet. So kauften die Christen einen Stapel Papyrusbögen, falteten sie und verbanden sie. Man könnte also auch von der Geburtsstunde unseres Buches sprechen. Natürlich wurden nun beide Seiten der Papyri beschrieben, sowohl die waagerechten Fasern als auch die senkrechten. Diese Art von Buch brachte einen gewaltigen Vorteil, denn das Nachschlagen einzelner Textpassagen wurde wesentlich erleichtert. Eine Schriftrolle mußte nach dem Lesen arbeits- und zeitaufwendig zurückgewickelt werden. Einen Kodex schlug man zu und öffnete ihn an gewünschter Stelle wieder. Vielleicht spielten wirtschaftliche Überlegungen auch eine Rolle.

Nach dem 4. Jahrhundert setzte sich mehr und mehr das Pergament durch. Daß dieses Material den Papyrus nicht sogleich verdrängte, liegt vielleicht in den enormen Kosten begründet. Allein für eine Schriftengruppe (alle 4 Evangelien, oder die Briefe des Apostel Paulus) wurden 50-60 Tierfelle benötigt! Berücksichtigt man zusätzlich, daß viele Kodizes mehr als nur eine Schriftengruppe, ja vielleicht das gesamte NT und AT umfaßten, so erhält man eine Vorstellung über den Preis einer solchen Handschrift. Schließlich mußte das kostbare Material auch noch beschriftet werden.

Über die Jahrhunderte, in denen alle Texte mit Großbuchstaben geschrieben wurden, entwickelten sich rundere, leichter und schneller zu schreibende Buchstaben, nämlich die Kleinbuchstaben. Seit dem 9. Jahrhundert ging man dazu über, Texte mit diesen Kleinbuchstaben zu schreiben. Sie werden ihrer Schrift wegen als Minuskeln bezeichnet.

 

3. Die wichtigsten Kodizes der Bibel

Es würde den Rahmen des Unterrichtes sprengen, wollten wir auf die vielen tausend Handschriften, die uns erhalten sind, eingehen. Viele dieser Texte liegen uns nur in Bruchstücken, sogenannten Fragmenten, vor. Erwähnung sollen jedoch die wichtigsten Handschriften finden, auf die auch unser Text zum größten Teil zurückgeht.

 

a) hebräische Kodizes

Wie schon erwähnt, wurden die hebräischen Texte sehr sorgfältig behandelt, ja, nach Gebrauch sogar beerdigt. Dies führte leider dazu, daß wir nur sehr wenige und nicht sehr alte Handschriften haben.

 

(1) Kodex von Aleppo

Dieser Kodex war als Musterkodex gedacht, besonders sorgfältig gearbeitet, diente er nicht dem Gebrauch in der Synagoge, sondern nur der Entscheidung in Streitfällen. Nur am Passa, Pfingsten und Laubhüttenfest durfte er öffentlich gelesen werden, sonst war er sogar dem Studium der Gelehrten nicht zugänglich.Er stammt aus der hochangesehenen Masoretenfamilie Ben Ascher. Geschrieben wurde dieser Kodex wohl im frühen 10. Jahrhundert n.Chr., und er war bis ins Jahr 1947 vollständig, d.h.: alle Bücher des hebräischen AT waren enthalten. 1947 konnte er bei antijüdischen Ausschreitungen nur knapp gerettet werden, verlor hierbei aber ca. 1/4 seines Textes!

 

(2) Codex Leningradensis

1008 n.Chr. geschrieben. Er ist der beste Zeuge eines Ben Ascher Textes. Zugleich bildet er die Grundlage der heute in Wissenschaft und Übersetzung gängigen hebräischen Bibelausgabe.

 

b) griechische Kodizes

Bei den folgenden Kodizes handelt es sich um Handschriften, die ursprünglich den ganzen Text des AT und NT enthielten. Das bedeutet, daß das AT hier in einer griechischen Übersetzung dargeboten wird.

 

(1) Codex Alexandrinus

Aus dem 5. Jahrhundert stammt der Codex Alexandrinus. Leider fehlt fast das ganze Mt-Evangelium, Teile von Joh und 2. Kor. Dieser Kodex befindet sich im Britischen Museum in London.

 

(2) Codex Sinaiticus

Dieser Kodex stammt aus dem 4. Jahrhundert. Auf den uns erhaltenen 148 Blättern, die ein Format von 43 x 38 cm aufweisen, finden wir die einzige vierspaltige Handschrift der Bibel. Leider sind Teile des AT verloren. Er befindet sich heute im Britischen Museum in London. Gefunden wurde der Codex Sinaiticus unter spektakulären Umständen im Katharinenkloster auf dem Sinai. Sein Entdecker war der Gelehrte Constantin von Tischendorf (1815-1874).

 

(3) Codex Vaticanus

Obwohl dieser Handschrift aus dem 4.Jahrhundert einige Stellen des NT fehlen, ist es die bedeutsamste Majuskel, die wir haben. Sie befindet sich heute in der Bibliothek des Vatikans in Rom.

 

4. Die wichtigsten alten Übersetzungen der Bibel

In manchen Bibelausgaben, aber auch in vielen Kommentaren, begegnen uns immer wieder Hinweise auf alte Übersetzungen. Aus diesem Grund wollen wir einen kurzen Blick auf ihre wichtigsten Vertreter werfen. Der Wert dieser Übersetzungen liegt darin,

Im allgemeinen geht man davon aus, daß der Masoretentext, der uns erst aus dem 11. Jahrhundert vorliegt, genauer ist als eine wesentlich ältere Übersetzung. Man scheut sich deshalb davor, eine Handschrift in der Ursprache durch eine Übersetzung desselben Textes zu verbessern - dies soll nur in begründeten Einzelfällen vorgenommen werden.

 

a) Targume

Im nachexilischen Judentum wurde bekanntlich das Hebräisch durch das Aramäisch verdrängt. Um von allen - nicht nur den Gebildeten - verstanden zu werden, mußte die Textlesung in der Synagoge (hebräisch!) anschließend übersetzt werden (aramäisch). Die jüdische Tradition lehrt aufgrund von Neh 8,8, daß Esra diese Übersetzung einführte. Dabei war es verboten, den aramäischen Text aus einer Rolle abzulesen, wohl um einen deutlichen Abstand zum hebräischen "heiligen" Text zu schaffen. Aber später wurden diese mündlichen Übersetzungen zur Schulung und Vorbereitung der Übersetzer schriftlich fixiert. So wissen wir, daß schon zur Zeit des NT Targume aufgeschrieben wurden.

Da diese Übersetzung eine praktische, erbauliche und lehrhafte Aufgabe im Gottesdienst der Synagogen besaß, fällt sie meist sehr frei aus. Daher ist sie nicht geeignet, den hebräischen Text, den sie übersetzt, zu rekonstruieren.

 

b) Septuaginta

Mit dem Namen "Septuaginta" (oft nur mit "LXX" abgekürzt) bezeichnet man die griechische Übersetzung des AT. So wie in Palästina eine aramäische Übersetzung notwendig wurde, brauchten auch die Juden in der Diaspora (griech.: Zerstreuung) einen für sie verständlichen Text. Die Legende erzählt, daß 72 fromme Männer (von jedem Stamm 6) nach Ägypten geholt wurden und dort in genau 72 Tagen das AT übersetzten. Wahrer Kern dieser Legende ist, daß tatsächlich die große jüdische Gemeinde in Alexandria Ausgangspunkt der Bestrebung war, doch endlich die Schriften auch in griechischer Sprache zu besitzen.

So wurde in der 1. Hälfte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts zuerst die Thora übersetzt, und dann folgten die anderen Bücher. Wir haben es also nicht mit einer einzigen Übersetzung zu tun, sondern mit einer Sammlung von Übersetzungen. Die Übersetzer selbst unterschieden sich dabei stark in ihrer Kenntnis der hebräischen Sprache, ihrem griechischen Stil oder einfach auch in ihrer Übersetzungsweise (wörtlich - sinngemäß). So finden wir in der LXX qualitativ sehr unterschiedliche Übersetzungen der verschiedenen Bücher, was natürlich den Umgang mit ihr erschwert.

Die Bedeutung der LXX liegt nicht nur in ihrem Wert für die jüdische Gemeinde. Zum ersten Mal wurde die Offenbarung Gottes der ganzen damaligen Welt schriftlich zugänglich. Außerdem war die LXX die "Bibel" der Urgemeinde und der Apostel. (So lassen sich viele Fragen erklären, die entstehen, wenn man ein NT-Zitat [LXX-Text] mit der AT-Stelle [bei uns heute Masoretentext!] vergleicht.)

Die Urseptuaginta wurde in der Folgezeit immer wieder überarbeitet. Viele Übersetzungen in den nächsten Jahrhunderten gehen nicht vom hebräischen, sondern von diesem griechischen Text aus.

 

c) Peschitta

Die syrische Kirche bezeichnete die in ihrem Gottesdienst gebräuliche Übersetzung des AT als Peschitta, d.h. "die Einfache". Über ihre Entstehung wissen wir nichts Genaues. Fest steht, daß sie zumindest den Pentateuch sehr genau und zuverlässig wiedergibt. (2. - 4. Jahrhundert n. Chr. das AT und die Apokryphen, 5.Jahrhundert auch NT).

 

d) Vulgata

Während die bisher angeführten Übersetzungen nur das AT wiedergaben, ist die Vulgata eine Übersetzung der ganzen Bibel, AT und NT, in die lateinische Sprache. Zwar existierten gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. bereits lateinische Übersetzungen. Diese waren jedoch sehr unzuverläßig und uneinheitlich. So wurde Hieronymus beauftragt, die Bibel neu ins Latein zu übertragen. Er war unter den abendländischen Christen der einzige, der direkt vom hebräischen Text das AT übersetzen konnte. (Natürlich brachte ihm das auch Schwierigkeiten. Selbst der Kirchenvater Augustin kritisierte ihn deswegen. Es gab ja keinen Theologen, der die Übersetzung auf ihre Richtigkeit hin überprüfen konnte. Außerdem galt zu dieser Zeit für viele der Text der LXX als inspiriert.)

Wie der Name Vulgata (lat.: "die Allgemeine") schon andeutet, setzt sie sich im Laufe der Jahrhunderte durch. Das Dekret des Tridentinischen Konzils vom 8. April 1546 erklärte diese Übersetzung zur allgemein gültigen Übersetzung der römisch-katholischen Kirche.

 

5. Die Textforschung (Textkritik)

Natürlich bezieht sich der Anspruch der Bibel, das unfehlbare Wort Gottes zu sein, nur auf den Orginaltext - so wie ihn der göttlich inspirierte Schreiber niederschrieb. Diese ursprünglichen Texte, oder auch Autographen, existieren nicht mehr. Wir haben nur noch Abschriften von ihnen, bzw. Abschriften von Abschriften, tlw. auch nur Fragmente dieser Abschriften. Vergleicht man diese miteinander, so stellt man Abweichungen fest, sogenannte Varianten (lat.: Verschiedenheiten) oder auch Lesarten.

Die wissenschaftliche Disziplin, die nun versucht herauszufinden, welche dieser Lesarten dem Urtext am nächsten ist, heißt Textkritik. Sie darf unter keinen Umständen mit der "Bibelkritik" verwechselt werden. Die Bibelkritik stellt die Autorität der Bibel in Frage, während die Textkritik nur nach dem Urtext fragt, ohne ihn zu bewerten. (Oftmals wird neben der Bibelkritik auch die Textkritik verneint, da "Kritik" in unserem Sprachgebrauch "Aburteilung" bedeutet. Richtiger ist jedoch, das aus dem Griechischen kommende Fremdwort mit "Beurteilung" wiederzugeben.)

 

a) Notwendigkeit

Zunächst müssen wir festhalten, daß wir nur staunen können, wie Gott Sein Wort über alle Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Wir halten das Wort Gottes in unseren Händen, überliefert von Generation zu Generation. Die erwähnten Varianten beziehen sich in ihrer Großzahl auf einzelne Buchstaben (z.B. Rechtschreibfehler), Wortstellungen und andere geringfügige Dinge. Die wichtigen Lehren der Bibel sind sowieso mehrfach an verschiedenen Stellen belegt, so werden sie nie durch das Vorhandensein irgendeiner Lesart in Frage gestellt.

Wie aber konnten diese Abweichungen in der Textüberlieferung entstehen?

Der größte Teil der Varianten läßt sich durch die Eigentümlichkeiten der Ursprachen erklären.

Die griechische Sprache wurde wie auch Hebräisch und Aramäisch in einem Zug, ohne Abstände zwischen Wörtern und Sätzen, geschrieben. Außerdem konnte ein Wort ohne Trennstrich auf zwei Zeilen verteilt werden. Ein Beispiel:

Amos 6,12 "Rennen Pferde denn auf Felsen , oder pflügt man darauf mit Rindern?"

Teilt man die Buchstabenkette anders, so ergibt sich in der Übersetzung:

Amos 6,12 "Rennen Pferde denn auf Felsen, oder pflügt man mit dem Rind das Meer?"

(Ein Beispiel aus dem Englischen: Godisnowhere - Otherwisemenwoulddoit)

Da Hebräisch vokallos geschrieben wurde, konnten je nach zugefügten Vokalen unterschiedliche Wörter entstehen: so lesen wir in 1.Mose 47,31 "Bett" und in Hebr 11,21 "Stab". Beide Wörter haben in Hebräisch dieselben Konsonanten, aber andere Vokale.

Aber auch der Mensch war Quelle verschiedener Lesarten. In Zeiten, da alle Texte von Hand geschrieben wurden, traten natürlich schnell Schreib- und Lesefehler auf. Zu dieser Rubrik rechnen wir auch Hörfehler, die beim Diktat von Bibeltexten entstanden.

 

b) Methodik

Die Vielzahl der komplizierten Regeln in der Textkritik können hier nicht ausführlich angesprochen und erklärt werden. Grob gesprochen gliedern sie sich in zwei Bereiche (man spricht von äußerer und innerer Evidenz):